Wie lernen wir eigentlich lesen?

Erinnern Sie sich noch an Pumuckl, den kleinen rothaarigen Kobold?

In einem Kapitel beobachtet er seinen zeitunglesenden Meister Eder und bittet: „Ich will auch lesen. Wie macht man das?“

Meister Eder antwortet: „Mit den Augen.“ Pumuckl beschwert sich daraufhin:

„Meine Augen lesen aber nicht!“

und so bleibt Eder nichts anderes übrig, als Pumuckl ein paar Buchstaben beizubringen...

 Nur mit zwei, drei Buchstaben macht das Lesen aber nicht lange Spaß und Pumuckl beschließt,  mithilfe einiger aus der Zeitung ausgeschnittener Wörter einen Brief zu „schreiben“ und wirft diesen in den Briefkasten der Nachbarin.

 

Leider hat Pumuckl dabei Wörter aus einem Bericht über einen Verkehrsunfall erwischt (u.a. „heute“ und „tot“) und Meister Eder hat seine liebe Not, die Nachbarin von der Idee abzubringen, dass ihr jemand einen Erpresserbrief geschrieben hat.

 

In dieser Geschichte ist schon alles vorhanden, um die Frage nach dem „Wie“ beantworten zu können:

Ein des Lesens (noch) Unkundiger trifft auf ein lesendes Vorbild,

das offensichtlich Vergnügen aus dieser Tätigkeit zieht.

Eder erschließt sich mit der Fähigkeit des Lesens Welten,

die dem Kobold nicht zugänglich sind.

Die Neugier ist geweckt und die Motivation ist groß.

Das Erlernen einzelner Buchstaben beginnt und der frischgebackene Leser möchte auch selbst literarisch tätig werden.

 

Der eigentliche Prozess des Lesenlernens ist keineswegs linear – Pumuckl macht die Erfahrung, dass man nicht nur Herrscher über die Buchstaben, sondern auch über den Inhalt der Mitteilung sein muss.

Er hat zwar erkannt, dass diese schwarzen Zeichen das Abbild für einen Laut (ein Phonem) sind und er versteht, dass aus diesen Abbildern Wörter gebildet werden.

Dass diese Wörter erst einen Sinn ergeben, wenn die Beziehungen zwischen Ihnen (richtig) verstanden werden,

diesen Schritt hat er noch nicht gemacht.

Wohl aber die Nachbarin, die aus den Wörtern „heute“ und „tot“ eine Drohung herausliest.

 

Die Fähigkeit, Beziehungen zwischen Wörtern und Sätzen herzustellen,

also sinnentnehmend zu lesen,

bildet sich nach und nach mit dem immer größer werdenden Wortschatz und dem wachsenden Weltwissen eines Kindes.

Für das literarische Lesen ist außerdem die Vorstellungsbildung extrem wichtig, die Kunst, sich in Texte hineinzuversetzen.

Diese Kompetenz entwickelt sich nach und nach, durch selbst verfasste Texte, Gespräche über Gelesenes und kreative Umsetzung in Spiel und Zeichnungen.

 

Ermutigen wir unsere Kinder dazu, indem wir wertschätzen und beachten, was sie selbst produzieren und mit ihnen Gedanken abseits des Alltäglichen austauschen.

 

Buchtipp: Shaun Tan: Ein neues Land

 

Faszinierendes Graphic Novel, mit opulenten Bildern, die an ein altes Fotoalbum erinnern. Ein Mann reist in ein neues Land, die Fremdheit, die er dort empfindet, resultiert aus der fremden Sprache und Schrift (vom Autor durch phantastische Elemente verfremdet)

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